Die lachenden Dritten

Italiens neues Gesetz zur künstlichen Befruchtung ist das schärfste in ganz Europa. Und es ist frauenfeindlich.

Von Maria Hechensteiner

 

Nach jahrelangen Diskussionen hat das Parlament in Rom nun also das Gesetz zur Regelung der künstlichen Befruchtung in Italien verabschiedet. Auch die Südtiroler Parlamentarier haben ihm mehrheitlich zugestimmt und freuen sich darüber, dass dieser heikle Bereich nun endlich geregelt ist. Inhaltlich betrachtet zeigt das Gesetz eine typisch italienische Eigenheit: das Schwenken von einem Extrem ins andere. Galt Italien bisher europaweit als ziemlich liberal, ist das neue Gesetz nun strenger als das deutsche Embryonenschutzgesetz und somit das restriktivste in ganz Europa.

Der Kern des Gesetzes und seine Hauptzielgruppe sind Paare, die ungewollt kinderlos sind. Zehn bis fünfzehn Prozent sind es in Europa und damit wohl auch in Südtirol. Und ihre Zahl steigt ständig. Warum? Weil die Spermienqualität sinkt und die Frauen heutzutage immer später Kinder kriegen. Selber schuld, wenn es dann Probleme mit der Fruchtbarkeit gibt?!

Betrachten wir doch einmal die - gesellschaftlich bedingte - Lebensgestaltung heutiger junger Menschen genauer: Zunächst ist eine möglichst gute, sprich lange, Ausbildung gefragt. Also mindestens Matura, besser noch Fachhochschule oder Uni. Dann Einstieg ins Berufsleben und Aufbau einer Existenz. Selbst wenn Mann und Frau gut verdienen, braucht es angesichts der geltenden Wohnungspreise und Lebenshaltungskosten Jahre, bis sie sich imstande fühlen, eine Familie zu ernähren. Und ehe sie sich īs versieht, ist die Frau Mitte dreißig und die Fruchtbarkeit nimmt rapide ab. Kinder sind in ihrer Lebensplanung aber vorgesehen, ungewollte Kinderlosigkeit wirft das Paar völlig aus der Bahn. Logische Folge: Man geht in die Kinderwunschklinik. Es sind also „ganz normale“ Menschen, die sich in Behandlung begeben, und sie haben einen „ganz normalen“ Wunsch: Sie wollen weder in die Schöpfung eingreifen noch Gott herausfordern. Sie wollen schlicht und einfach ein Kind.

Angenehm sind die Behandlungen zur künstlichen Befruchtung für die Frauen beileibe nicht: tägliche Hormonspritzen, damit mehrere Eibläschen heranreifen, regelmäßiger Ultraschall, Eizellentnahme unter Vollnarkose, im günstigsten Fall Einsetzen der befruchteten Eizellen nach drei Tagen in die Gebärmutter. Dann wieder Hormonspritzen. Mit Glück läuft das Ganze ohne Schmerzen ab. Die Männer haben īs zwar leichter, aber Samenspenden auf Abruf ist auch kein Vergnügen. Nach etwa zwei Wochen dann der Bluttest, der in der Mehrzahl der Fälle negativ ist. Denn die Erfolgsrate liegt nur bei 20 bis 25 Prozent.

Die Gefahren. Nicht vergessen oder unterschätzt werden dürfen die gesundheitlichen Gefahren der künstlichen Befruchtung für die Frau: Überstimulation und damit verbundenes Anschwellen der Eierstöcke, erhöhte Krebsgefahr, Gefahr von Verletzungen und Entzündungen bei der Eizellentnahme, erhöhte Rate an Eileiterschwangerschaften, Fehlgeburten und Mehrlingsschwangerschaften. Es ist also ganz im Sinne der Frau und ihrer Gesundheit, wenn von den befruchteten Eizellen die „lebensfähigsten“ ausgesucht und wieder eingepflanzt werden und wenn die Möglichkeit besteht, überzählige befruchtete Eizellen einzufrieren. So muss sich die Frau bei einem gescheiterten Versuch nicht gleich noch einmal mit Hormonen voll pumpen und die genannten Risiken der Überstimulation, des Eierstockkrebses und der Vollnarkose auf sich nehmen. Und sie erspart sich zudem viele Schmerzen.

Genau das aber verhindert das neue Gesetz. Befruchtete Eizellen dürfen nicht mehr eingefroren werden. Nur drei gewonnene Eizellen dürfen befruchtet und wieder eingesetzt werden. Funktioniert die Befruchtung nicht - und das ist oft genug der Fall -, Pech gehabt! Dann bleibt Frau und Mann, wenn sie auf ein eigenes Kind nicht verzichten wollen, nichts anderes übrig, als die ganze belastende, gesundheitsgefährdende und wohl auch demütigende Prozedur erneut auf sich zu nehmen. Statistisch gesehen sind drei bis vier Versuche notwendig, ehe sich der Erfolg (wenn überhaupt) einstellt.

Die Frau, die aufgrund der modernen kinderfeindlichen Lebensumstände die Erfüllung ihres Kinderwunsches jahrelang verschoben hat, wird durch das neue Gesetz nun noch einmal bestraft. Entweder wird in Zukunft die Zahl der künstlichen Befruchtungen steigen oder die Schwangerschaftsraten werden sinken. Es wurde wohl kaum einmal ein Gesetz verabschiedet, das der Lebensrealität der Parlamentarier ferner war als dieses. Denn in unserem Parlament sitzen 90 Prozent Männer, und für sie ist „Frauengesundheit“ ein mehr als abstrakter Begriff. Die Entscheidung, den Schutz von (vielleicht nicht einmal lebensfähigen) Mehrzellern über den Schutz erwachsener Frauen zu stellen, ist nicht edel, sondern zynisch.

Und wer beziffert den wirtschaftlichen Schaden, der der Gesellschaft durch das neue Gesetz erwächst? Denn die gesundheitliche Gefährdung und die psychische Belastung durch die künstliche Befruchtung sind nur oberflächlich gesehen Privatsache des Paares. Wenn die beiden nämlich gezwungen sind, sich öfter als bisher den Prozeduren der künstlichen Befruchtung zu unterziehen, fehlen sie auch öfter am Arbeitsplatz. Ganz zu schweigen von den psychischen Folgen, wie Depressionen, Nervosität, sinkendes Selbstwertgefühl, Anspannung und Angst, die jede Behandlung begleiten und die der Produktivität der Betroffenen am Arbeitsplatz wohl kaum förderlich sind.

Die Profiteure. Während das neue Gesetz wirtschaftlich gesehen also insgesamt einen Nachteil für die Gesellschaft mit sich bringt, gibt es einen lachenden Dritten: die Pharmakonzerne, die hier wohl ganze Lobbyarbeit geleistet haben. Ihr Umsatz wird nun drastisch steigen, und da sind wir schon an dem Punkt, an dem wir uns fragen, warum denn der Vatikan so sehr um dieses neue Gesetz bemüht war? Ist es wirklich der Schutz des ungeborenen, nicht einmal eingepflanzten Lebens? Oder stimmen etwa die Gerüchte, wonach der Vatikan bei den Pharmakonzernen kräftig mitmischt und abkassiert? Freuen dürfen sich auch die privaten Reproduktionskliniken, die sich an diesen Behandlungen eine goldene Nase verdienen. Ein Teil ihrer Klientel, und zwar gerade der begüterte, wird ihnen allerdings abhanden kommen, denn dieser wird sich an Länder wenden, in denen nicht so strenge Gesetze herrschen wie bei uns.

Aus eigener Erfahrung kann ich den betroffenen Frauen nur raten, die Verantwortung für ihren Körper nicht ganz aus der Hand zu geben und - wenn es möglich ist - auch alternative Methoden wie die Naturheilkunde in Betracht zu ziehen. Vielleicht stellt sich dann ja wie in meinem Fall das Wunschkind doch ganz von allein ein.

 

Dieser Artikel erschien als Gastkommentar im Südtiroler Wochenmagazin ff vom 19. Februar 2004

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