Nie sind wir so sehr wir selbst als während unserer Schmerzen

Ich möchte meinen Vortrag mit einer provokanten Behauptung beginnen: Wir können uns Schmerzen nicht vorstellen. Nicht einmal unsere eigenen, solange wir sie nicht spüren. Schmerzen entziehen sich unserer Vorstellungskraft. Wir erleiden sie, aber unser Verstand kann sie nicht fassen. Heute noch, nach Jahren mit teilweise sehr starken Menstruationsschmerzen, falle ich in der schmerzfreien Zwischenzeit immer wieder darauf herein: „Es ist doch gar nicht so schlimm“, denke ich. In Wirklichkeit ist es aber schlimm. Es ist, als müsste ich jeden Monat für zwei Tage ins Gefängnis.

Wenn wir schon größte Probleme haben, uns Schmerzen am eigenen Leib vorzustellen - man möge nur einmal versuchen, sie in Worte zu fassen - wie sollen wir dann mit den Schmerzen anderer Menschen umgehen? Verletzt sich jemand an der Hand oder erleidet eine Verbrennung, können wir mit der Beschreibung des Schmerzes vielleicht noch irgendetwas anfangen, können aus unserem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen. Steht der Schmerz aber in unmittelbarem Zusammenhang mit einer speziellen körperlichen Eigenschaft, im Falle der Endometriose mit dem Geschlecht, versagt die Vorstellungskraft der Nicht-Betroffenen völlig. Männer – aber auch Frauen ohne Regelschmerzen – können sich unter „Endometrioseschmerzen“ nichts vorstellen. Und nehmen sie daher häufig nicht ernst. Das ist meiner Meinung nach der Grund, warum so viele Frauen so lange leiden müssen, bis ihre Ärzte aktiv werden, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Sensibilität und emotionale Intelligenz können dieses Vorstellungs-Unvermögen teilweise kompensieren. Ich wünsche allen hier anwesenden Frauen sensible und emotional intelligente Ärzte (die fachliche Kompetenz setze ich selbstverständlich voraus).

So habe auch ich sieben Jahre lang die Menstruationsschmerzen mit mir herumgetragen, ohne dass der Begriff „Endometriose“ jemals fiel, sie wohl auch nicht in Betracht gezogen wurde. Er fiel zum ersten Mal nach einer Operation, nachdem eine Zyste meinen linken Eierstock zerstört hatte und dieser samt Eileiter entfernt werden musste. Vor der Operation tippten die Ärzte auf Eierstockkrebs und ich hatte den Eindruck, in ihrem Verhalten eine gewisse Freude darüber festzustellen, dass sie so einen „interessanten Fall“ wie mich hatten. Tja, leider war es dann nur eine Endometriose.

Die nachfolgende Behandlung lief streng nach Plan: Künstliche Wechseljahre für sechs Monate, dann In-Vitro-Fertilisation, denn „Auf natürliche Weise klappt’ s bei Ihnen wohl nicht“. Ich wurde zur Sterilitätspatientin, hielt mich selbst für unfruchtbar.

Der IVF-Versuch scheiterte und wieder durfte ich die oben erwähnte Erfahrung machen: Man kann sich Schmerzen nicht vorstellen. Diesmal meine ich die seelischen. „Die Erfolgsquote bei IVF liegt bei 25 Prozent“, war mir mitgeteilt worden - heute weiß ich, dass es nur 15 Prozent sind -, es war also klar, dass ich mit einem Scheitern rechnen musste. Ich glaubte auch, mich darauf vorbereitet zu haben. Wie aber soll man sich auf Schmerzen vorbereiten, die man noch nie empfunden hat? Es war, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen, als würde ich in ein unendlich tiefes Loch fallen. Was ein negativer Schwangerschaftstest nach einer IVF für eine Frau bedeutet, kann sich nur vorstellen, wer es selbst erlebt hat, sonst niemand. Denn heute, wo diese Erlebnisse definitiv hinter mir liegen, weil ich mittlerweile eine wunderbare kleine Tochter habe, stelle ich fest, dass sogar ich selbst diese Gefühle nur mehr bruchstückhaft nachvollziehen kann. Schmerzen lassen sich im Gedächtnis nicht speichern. Sie existieren nur in der Gegenwart. Was wir in der Erinnerung oder in der Beobachtung nachempfinden, ist höchstens ein Schatten davon. Das macht es unseren Ärzten, aber auch unseren Angehörigen und Freunden so schwer, mit uns und unseren Schmerzen richtig umzugehen. Schmerzen sind etwas ganz Privates, Intimes.

Meinen Gynäkologen, der zugleich mein IVF-Arzt war, interessierten meine Schmerzen nicht, weder die körperlichen noch die seelischen. Er schlug mir drei weitere IVF-Versuche vor. Spätestens beim vierten Versuch musste ich seiner primitiven Rechnung zufolge schwanger sein. Und wenn nicht, dann hätte ich eben Pech gehabt. Bedaure, war wohl nichts.

Nachdem auch der zweite IVF-Versuch fehlgeschlagen war, sah ich ein, dass ich in meinem Leben etwas ändern musste. Ich musste von der Passiven, Erleidenden zur Aktiven, zur Managerin werden. Zur Managerin meines Körpers und meiner Seele, meiner Schmerzen und meiner Wünsche. Und ich nahm die Herausforderung an. Die Monate, die nun folgten, zähle ich im Nachhinein zu den wundersamsten in meinem Leben. Die Menschen, die ich kennen lernte, die Bücher, die ich las, die Internetseiten, die ich besuchte, die Pflege von Körper und Seele, der ich mich hingab, mein Mann, der mir immer beistand, und nicht zuletzt ein süßer kleiner Hund führten mich auf einen Weg, auf dem es keine Zufälle gab, auf dem sich ein Mosaiksteinchen zum anderen fügte, bis ich schließlich auf kürzester Strecke das Ziel erreichte, das ich mir gesteckt hatte: ich wurde auf natürliche Weise schwanger. Der Endometriose zum Trotz, dem Urteil der Fachärzte zum Trotz. Einfach so.

Eine problemlose Schwangerschaft, eine unkomplizierte Geburt und eine lange Stillzeit bewirkten auch eine lange schmerzlose Zeit, stellten also einen beachtlichen Erfolg in meinem Kampf gegen die Endometriose dar. Auch heute noch, fast 16 Monate nach der Geburt, sind die Menstruationsschmerzen nicht so stark wie sie es früher waren.

In der Zeit, in der ich beharrlich mein Ziel einer natürlichen Schwangerschaft verfolgte, ohne freilich zu wissen, ob ich es jemals erreichen würde, entstand der Wunsch, meine Erfahrungen niederzuschreiben, zu einem Buch zusammenzufassen. Auch das gehörte zu meiner „Managertätigkeit“. Vielleicht würden diese Erfahrungen eines Tages anderen Frauen nützen oder ihnen Trost spenden, ihnen zeigen, dass sie mit ihren Schmerzen und ihren Sehnsüchten nicht alleine sind. Wenige Wochen nach diesem Entschluss – zwei Kapitel waren bereits geschrieben – trat die Schwangerschaft ein. Spätestens jetzt wusste ich: Dieses Buch musste geschrieben werden, es musste geboren werden wie mein Kind! Nun war wieder Platz für Luft und Licht in meinem Leben, für Freude, für Lachen, für Ironie. In nur zwei Monaten schrieb ich mein Buch fertig. Es ist, wie der Untertitel schon sagt, ein Mutmacher-Tagebuch. Wir Endometriose-Frauen und vor allem wir Frauen mit Kinderwunsch müssen unser Glück, soweit es nur geht, selbst in die Hand nehmen. Wir müssen in unserem Leben Platz für Hoffnung lassen, auch für Hoffnung auf scheinbar Unmögliches. Wir müssen neugierig sein und immer mitreden. Natürlich ist meine Geschichte individuell und kann von niemandem kopiert werden. Was ich aber vermitteln möchte, ist ein größeres Vertrauen in die eigenen Kräfte und den eigenen Instinkt. Was Ihnen gut tut, wissen Sie selbst am besten! Geben Sie die Verantwortung für Ihren Körper (und damit auch für Ihre Seele) niemals ganz aus der Hand! Denn niemand kennt Ihren Körper besser als Sie selbst. Von den Schmerzen ganz zu schweigen. Schmerzen kann man sich nämlich nicht vorstellen. Aber ich glaube, das hatten wir schon einmal ...

 

Vortrag von Maria Hechensteiner, gehalten bei der Jahrestagung der Deutschen Endometriose-Vereinigung am 20.03.2004 in Bad Hersfeld

home