Auf dem Weg zum Referendum

Einleitungs-Statement beim Forumsgespräch zum Thema "künstliche Befruchtung" am 13. April 2005 im Pastoralzentrum in Bozen)

Ich bin eine ehemalige Kinderwunschpatientin. Zweimal habe ich mich einer künstlichen Befruchtung unterzogen. Was ich bei diesen Behandlungen völlig unterschätzt habe, ist die psychische Belastung, die sie mit sich bringen, vor allem, wenn die erhoffte Schwangerschaft ausbleibt. Und das ist in der Mehrzahl der Fälle so.

Für viele Kinderwunschpaare stellt die ungewollte Kinderlosigkeit die schlimmste Erfahrung ihres Lebens dar. Der Wunsch nach einem Kind erlangt, besonders dann, wenn er sich nicht zu erfüllen scheint, eine für Außenstehende nicht nachzuvollziehende Intensität, er wird für die betroffenen Menschen existentiell. Es gibt in ihrem Leben nichts anderes mehr als diesen unerfüllten Wunsch.

Über künstliche Befruchtung wird seit Jahren lebhaft diskutiert, geschrieben, gefachsimpelt. In der Regel fehlt in diesem Chor von Analysen, Meinungen und Statements aber die Hauptstimme, nämlich jene der betroffenen Paare, vor allem der Frauen. Der Frauen, die Medikamente nehmen müssen, die sich die Hormonspritzen verabreichen, die unzählige Bluttests und Ultraschalluntersuchungen über sich ergehen lassen, die für die Eizellentnahme in Narkose versetzt werden. Die nicht wissen, wie sie die vielen Arzttermine mit ihrer Arbeit vereinbaren sollen. Die sich nach dem negativen Ergebnis in ihre vier Wände zurückziehen und stunden- oder gar tagelang weinen.

Ungewollte Kinderlosigkeit ist ein Tabuthema. Sie trifft die Betroffenen in ihrem innersten Wesen und macht sie wehrlos und verletzlich. Diese scheuen sich aus zwei Gründen davor, offen über dieses Thema zu sprechen: weil sie fürchten, bei den Angehörigen, bei der Gesellschaft als Versager zu gelten und aus Angst vor Unverständnis, vor gut gemeinten, aber meistens verletzenden und unbrauchbaren Ratschlägen.

Um meine belastenden Erfahrungen mit der künstlichen Befruchtung zu verarbeiten und um den betroffenen Frauen eine Stimme zu geben, habe ich über meine Geschichte, über meinen Weg zum Wunschkind ein Buch verfasst. Es ist vor eineinhalb Jahren erschienen. Die vielen positiven Rückmeldungen, die ich dazu bekommen habe, veranlassten mich, mich auch über das Buch hinaus für betroffene Paare einzusetzen. Ich halte Seminare und Buchvorstellungen im In- und Ausland und stehe den Medien für Interviews oder Informationen zur Verfügung. In diesem Zusammenhang möchte ich mich auch beim Katholischen Forum für die Einladung zu dieser Podiumsdiskussion bedanken.

Mein Ziel ist es, die oft akademisch geführten Diskussionen rund um die künstliche Befruchtung - bei denen man zuweilen den Eindruck hat, Ei- und Samenzellen würden auf Bäumen wachsen, so sehr werden die Menschen, zu denen sie gehören, ausgeklammert - wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen: den Blickwinkel auf die betroffenen Frauen und Männer zu richten. Ihr Wohl und ihr Wunsch nach einem Kind müssen im Mittelpunkt der Behandlungen stehen. Dafür wurden diese Behandlungen ja entwickelt - oder zumindest wird das von der Medizin so behauptet.

Der Austausch mit sehr vielen Betroffenen hat meine eigenen Erfahrungen bestätigt und mich noch weitere Erkenntnisse gewinnen lassen. Ich stehe der künstlichen Befruchtung heute sehr kritisch gegenüber, weil ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass ökonomische Interessen über das Wohl der betroffenen Paare gestellt werden:

  1. scheint die Zahl der angeblich unfruchtbaren Paare zu explodieren, ebenso schießen die Befruchtungskliniken wie Pilze aus dem Boden. Sind wir wirklich so unfruchtbar, wie es scheint oder ist das Geschäft mit der Hoffnung einfach zu verlockend? Um sich eine Vorstellung zu machen: Eine Behandlung in einer privaten Fruchtbarkeitsklinik kostet an die 3.500 Euro.
  2. Immer schneller und immer öfter wird Paaren zu künstlicher Befruchtung geraten. Umgekehrt kommen heute, durch die unkritische oder einfach nur unrichtige Berichterstattung der Medien, immer jüngere Patientinnen nach einer immer kürzeren Wartezeit zum Arzt und verlangen eine medizinische Behandlung, selbst wenn keine Ursachen für die angebliche Unfruchtbarkeit gefunden werden.
  3. Die Erfolgsrate bei der künstlichen Befruchtung ist immer noch erschreckend niedrig und verdient ihren Namen eigentlich gar nicht. Die Wahrscheinlichkeit, ein lebendes Kind zur Welt zu bringen, liegen laut Deutschem IVF-Register bei 13% pro Versuch.
  4. Eine psychologische Betreuung der Patientinnen und Patienten existiert in den meisten Kliniken nicht. Die Ärztinnen und Ärzte sind zeitlich, aber oft auch im seelischen Umgang mit den Paaren überfordert.
  5. Über Alternativen zur Schulmedizin herrscht bei den Ärztinnen und Ärzten vielfach völlige Ignoranz. Dabei weisen die naturheilkundlichen Methoden mindestens gleich hohe Erfolgsraten auf wie die künstliche Befruchtung, ohne jedoch Nebenwirkungen zu verursachen. Schulmedizin und Naturheilkunde müssen sich auch gar nicht ausschließen. Die wenigen Kliniken, die die künstliche Befruchtung mit Naturheilkunde verbinden, erzielen höhere Erfolgsraten bei gleichzeitig weniger Nebenwirkungen.
    Als Beispiele für Alternativmedizin möchte ich die Homöopathie, die traditionelle Chinesische Medizin (Akupunktur), die Neuraltherapie und die Kräuterheilkunde ebenso aufzählen wie Körper- und Entspannungstherapien, etwa die Reflexzonenmassage, die Fruchtbarkeitsmassage nach Dr. Gowri Motha, die Methode Wildwuchs, die Methode Mojzisovà oder Luna Yoga.

Trotz all dieser Kritikpunkte trete ich für eine Überarbeitung des bestehenden Gesetzes ein. Schließlich wird ungewollte Kinderlosigkeit von der Weltgesundheitsbehörde als Krankheit definiert. Kranke haben das Recht auf eine optimale Behandlung. Die Beschränkung der einzupflanzenden Embryonen auf drei, das Verbot, aus einer größeren Auswahl an Embryonen jene mit den besten Überlebenschancen auszuwählen und zu übertragen und vor allem das Verbot des Einfrierens befruchteter Eizellen bedeuten für die betroffenen Paare unweigerlich eine höhere Zahl von notwendigen Behandlungen. Das ist aufgrund der körperlichen und seelischen Belastungen und der möglichen Nebenwirkungen ohne Wenn und Aber abzulehnen. Ich fordere mehr Mitspracherecht für das Paar, das mit Hilfe einer guten Beratung durch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte sehr wohl in der Lage ist, eine verantwortungsvolle Entscheidung zu treffen. Ich bin dagegen, dass der Staat sich in diese äußerst intime Angelegenheit des Paares auf so massive Weise einmischt. Die genannten Einschränkungen und das Verbot der Verwendung von Spendersamen oder -eizellen führen lediglich dazu, dass die betroffenen Paare, die es sich leisten können, die Behandlungen im Ausland durchführen lassen.

Die Argumente gegen eine künstliche Befruchtung mit gespendeten Samen- oder Eizellen, nämlich dass das Kind oder der nicht biologisch verwandte Elternteil später mit dieser Situation nicht mehr zurechtkommen könnte, überzeugen mich nicht. Erstens muss es nicht zwingend so sein und selbst wenn, dann gibt es kompetente Hilfe von Psychologen und Selbsthilfeorganisationen. Zweitens müsste man dann konsequenterweise auch die Adoption verbieten.

Ich bin dagegen, dass man die Präimplantationsdiagnostik verbietet, mit der Begründung, dass diese Praxis ausarten und nicht mehr nur in sinnvollen Einzellfällen angewendet werden könnte (Horrorvision Designer-Baby). Ich bin überzeugt davon, dass der Gesetzgeber imstande ist, eine Ausartung zu unterbinden, wenn er das nur will. Das Landesethikkomitee hat da vorbildliche Vorarbeit geleistet, indem es in begründeten Einzelfällen für die Präimplantationsdiagnostik eintritt.

Ich erschrecke über die eiskalte Analyse und die Empfehlungen des Moraltheologen Dr. Karl Golser, der die Argumente seiner Gegner als "Slogans" abqualifiziert und eine emotionale Sehweise für unzulässig erklärt. Der Wunsch nach einem Kind entspringt aber nicht den Köpfen, sondern den Herzen der Menschen. Zu glauben, eine Diskussion wie diese könne nur über eine rationale Denkweise geführt werden, halte ich für unangemessen und darüber hinaus auch für unmöglich, und sie erscheint mir völlig abgehoben vom wirklichen Leben. Die betroffenen Paare jedenfalls können mit dieser Art von "Hilfestellung" wenig anfangen.

Ich erschrecke darüber, mit welcher Seelenruhe Vertreter der Katholischen Kirche die größere Gefahr von Nebenwirkungen für die Frauen in Kauf nehmen. Es sind nun einmal in der überwiegenden Mehrheit die Körper der Frauen, die zum Zwecke der Erfüllung des Kinderwunsches medizinisch behandelt werden müssen, auch wenn die Ursache der Unfruchtbarkeit beim Mann liegt. Wieder einmal wie so oft in der Geschichte versucht die Kirche sich den Zugriff auf den weiblichen Körper zu sichern, um ihn für ihre Interessen zu instrumentalisieren.

Ich frage mich, wie "moralisch" eine Moraltheologie ist, die das individuelle Leid der Betroffenen zugunsten einer vermeintlich höheren Idee ignoriert und es damit nur noch vermehrt.

Ich finde es absurd, wenn das angebliche Wohl eines nur potentiell lebensfähigen Embryos - denn der Großteil der eingepflanzten Embryonen stirbt ja ab - über das konkrete Wohl seiner Eltern gestellt wird. Ich muss mich immer wieder darüber wundern, mit welcher Geflissentlichkeit und Systematik die Katholische Kirche ihre Gläubigen einschränkt, schuldlos bestraft und leiden lässt. Ungewollt kinderlose Menschen sind durch ihr Schicksal eigentlich schon gestraft genug.

Es tröstet mich aber wenigstens zu wissen, dass es heute auch katholische Moraltheologinnen gibt, die keine so rigorose Haltung einnehmen und die durchaus eine Einbeziehung der betroffenen Kinderwunschfrauen in die Entscheidungsfindung fordern. (Andrea Arz de Falco)

All diese Überlegungen haben mich dazu bewogen, beim Referendum in den Punkten 2, 3 und 4, die die künstliche Befruchtung betreffen, mit ja zu stimmen, obwohl ich gerne einräume, dass dieses Gesetz aus der Sicht der betroffenen Paare durchaus auch seine guten Seiten hat und ich mit dem einen oder anderen Unterpunkt der Fragestellungen nicht glücklich bin.

Was den ersten Punkt, jenen über die Stammzellforschung betrifft, werde ich, gerade im Interesse der Frauen, mit nein stimmen. Die Gefahr, dass Frauen in Unkenntnis über die Verwendung ihrer Eizellen gelassen oder dass sie ihnen sogar gegen ihren Willen entnommen werden, ist hier einfach zu groß. Es muss uns nämlich bewusst sein, dass die Stammzellforschung eine enorm große Anzahl an Embryonen benötigt. Nur mit den wenigen vielleicht aus In-vitro-Versuchen übrig bleibenden Embryonen ist dieser Bedarf niemals zu decken.

Auch aus anderen Überlegungen heraus, auf die ich jetzt aber nicht eingehen werde, werde ich bei diesem Punkt mit nein stimmen.

Schlussendlich möchte ich Ihnen auch das Ende meiner persönlichen Geschichte nicht vorenthalten: Nachdem die beiden künstlichen Befruchtungen gescheitert waren, habe ich mich auf naturheilkundliche Wege begeben und bin wenige Monate später auf natürliche Weise schwanger geworden. Dass der Kinderwunsch sich auch auf diese Weise erfüllen kann, kommt viel öfter vor, als man glaubt, und sollte zu denken geben.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

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