Der Embryonen-Eiertanz
Wer ist schuld am gescheiterten Referendum?

Das im Juni über die Bühne gegangene Referendum zur künstlichen Befruchtung war der Höhepunkt einer Reihe von Schauspielen, die an Würdelosigkeit nicht mehr zu überbieten sind und den Niedergang der politischen Kultur in Italien kennzeichnen, der seit der Berlusconi-Regierung in galoppierender Geschwindigkeit fortschreitet.

Bei der Verabschiedung dieses Gesetzes, das eine heikle Materie regelt und ein absolutes Muss für jedes zivilisierte Land ist, gehörte Italien wieder einmal zu den Schlusslichtern Europas. Andere Länder haben sich viel früher - teilweise schon vor zehn, fünfzehn Jahren - mit dieser Thematik befasst, haben ihre Verantwortung den von Unfruchtbarkeit betroffenen Menschen gegenüber ernst genommen und nach heftigen Auseinandersetzungen und Diskussionen die entsprechenden Gesetze verabschiedet. Manche haben ihre Gesetze in der Zwischenzeit auch geändert oder ergänzt, je nachdem, welche Erfahrungen sie damit gemacht haben und welche neuen Erfordernisse im Laufe der Zeit hinzugekommen sind. Ob die Gesetze dann liberal wie in Großbritannien oder streng wie in Deutschland ausgefallen sind, ist zweitrangig, die Staaten haben jedenfalls ihre Pflicht erfüllt.

Anders Italien. Hier wird jahrelang nur gestritten oder bestenfalls diskutiert, philosophiert, doziert, während die privaten Befruchtungskliniken den rechtsfreien Raum nutzen und mit akrobatischen Dienstleistungen den Menschen das Geld aus der Tasche ziehen. Man denke nur an die über 60-jährigen Neomütter oder die Achtlingsschwangerschaften. Das mögen besonders krasse Auswüchse sein, sagen aber doch viel über die Möglichkeiten aus, die sich unseren Babymachern in der Vergangenheit geboten haben und die von einigen unter ihnen auch fleißig genutzt wurden.

Da haben wir also plötzlich ein Gesetz, das das strengste in ganz Europa ist und auch völlig absurde Verbote enthält, wie etwa jenes, dass befruchtete Eizellen nicht eingefroren werden dürfen, nicht einmal im Vorkernstadium. Das Gesetz überzeugt schon bei der Verabschiedung nicht wirklich und wird von einer kleinen Mehrheit durchgedrückt. Und schon geht das übliche Spielchen los. Eine Zwergpartei, die Radikalen, die sich einfach nicht damit abfinden kann, dass sie über eine gewisse Wählerzahl nicht hinauskommt, wittert Frühlingsluft und schlägt Alarm. Das Gesetz sei frauenfeindlich, wissenschaftsfeindlich, verfassungswidrig, klerikal, reaktionär, rückschrittlich. Das Volk müsse befragt werden, denn es habe für diese Materie mehr Gespür als die Politiker und sei auch nicht so konservativ, das Gesetz muss weg, also ein Referendum her. Die Protestierer haben Glück. Politiker schließen sich an, Frauenverbände, Wissenschaftler, Intellektuelle. Die nötigen Unterschriften sind bald gesammelt, das Referendum wird zugelassen.

Wie es ausgegangen ist, wissen wir. 25,9 Prozent Wahlbeteiligung, Referendum gescheitert. Kläglich. Eine Niederlage? Je nachdem. Herr Pannella und Frau Bonino jedenfalls waren einige Wochen lang sehr medienpräsent, mehr jedenfalls, als es ihnen aufgrund der Größe ihrer Partei und deren zum Teil abstrusen Ideen zusteht.

Referenden sind in Italien zu einem Profilierungsmittel von Kleinstparteien geworden. Sie scheitern mit voraussehbarer Gewissheit, kosten die Steuerzahler/innen eine Menge Geld und blamieren die Befürworter der direkten Demokratie.

Nicht dass ich eine uneingeschränkte Anhängerin des Gesetzes und eine Gegnerin der direkten Demokratie wäre! Auch ich halte das Gesetz in Teilen für frauen- und überhaupt für menschenfeindlich, habe bei drei der vier Fragen mit Ja gestimmt und bin absolut für die Abschaffung des Quorums. Aber es stört mich, wenn eine derart heikle Materie wie die künstliche Befruchtung, die ich selbst als Betroffene kennen gelernt habe, für schmutzige politische Spielchen missbraucht wird. Spielchen auf beiden Seiten. Die Diskussionen waren gekennzeichnet von erschreckender Ignoranz und verlogener Moralität. Für die wirklichen Bedürfnisse der Betroffenen interessierte sich niemand.

Aber zurück zum Gesetz, das nun so bleibt, wie es ist. Leider vermittelt es den Eindruck, als habe man in Italien das Rad neu erfinden wollen. So viele dumme und sinnlose Diskussionen wären uns erspart geblieben, hätte man sich mehr an der Gesetzgebung in anderen Ländern inspiriert. Die Gleichsetzung des in vitro gezeugten Embryos mit einem geborenen Menschen ist nicht nur einzigartig, sondern auch verfassungswidrig, das Verbot des Einfrierens ist ebenfalls nur den Italienern eingefallen und mit dem gänzlichen Verbot der heterologen Befruchtung stehen wir auch alleine da.

Die katholische Kirche hat bei diesem Referendum ein gewichtiges Wörtchen mitgeredet. Seit den Massenveranstaltungen bei der Beisetzung des verstorbenen und der Einsetzung des neuen Papstes wiegt sie sich in der Euphorie einer Renaissance ihrer Macht. Ich persönlich halte das für einen Irrtum. Die Beteiligung am Referendum wäre ohne den Boykottaufruf der Kirche wahrscheinlich etwas höher, aber trotzdem unter dem Quorum gewesen. Ob es den Referendumsbefürwortern nun passt oder nicht, die Menschen sind eben nicht so interessiert, wie wir es gerne hätten. Das Problem der Fruchtbarkeitsstörungen betrifft direkt nur eine Minderheit und ist der großen Mehrheit ganz einfach egal. Dass eine Zulassung der Stammzellforschung einem Öffnen der Büchse der Pandora gleichkommen könnte, hat kaum jemand erahnt.

Für ein solches Gesetz ist das Parlament zuständig. Und dieses hat sich seriös mit der Materie zu befassen und ausschließlich im Interesse der betroffenen Menschen zu entscheiden. Ein Miteinbeziehen der Betroffenenverbände und Selbsthilfegruppen wäre also absolut angebracht. Ökonomische Interessen der Pharmakonzerne und Befruchtungsmediziner dagegen müssen draußen bleiben.

Ich persönlich kann, abgesehen von den oben monierten Punkten, mit dem Gesetz leben. Es schränkt den Machbarkeitswahn der Ärzte ein und schreibt auch vor, dass zur künstlichen Befruchtung erst gegriffen werden darf, wenn andere Methoden zur Beseitigung des Problems gescheitert sind. Und genau da muss eingehakt werden: Die Möglichkeiten der psychologischen Betreuung und der naturheilkundlichen Behandlungen werden noch viel zu wenig genutzt. Dabei führen sie in vielen Fällen - wie in meinem eigenen - zum Erfolg und können sich durchaus mit den Erfolgsraten der künstlichen Befruchtung messen, ohne, wie diese, Nebenwirkungen und körperliche Belastungen mit sich zu bringen.

Maria Hechensteiner, Eppan, ist Autorin des Buches "Orchideenblüten - Mein Weg zum Wunschkind" (Diametric Verlag, Würzburg)

Gastkommentar in den Südtiroler Nachrichten 3/2005

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